Die unglaubliche Geschichte hinter Nord Stream
30.05.2026, 08:28 Uhr (Frankfurter Rundschau)
Von: Florian Naumann
2022 explodierten die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee. Ein aktuelles Buch kommt den Attentätern und politischen Wirren ganz nahe. Die Rezension.
Das Genre des Agententhrillers habe seine besten Tage hinter sich, könnte man meinen – spätestens, seit es einen (allerdings ebenfalls berüchtigten) Geheimdienst namens „KGB“ nur noch in Belarus gibt. Die Realität schreibt aber bisweilen die besten Thriller. Und sie spricht eine andere Sprache: Der Journalist Bojan Pancevski hat über Jahre die Hintergründe des Nord-Stream-Attentats recherchiert. Seine Erkenntnisse hat er im Buch „Die Nord-Stream-Sprengung“ (Harper Collins, 22,- Euro) aufgearbeitet. Auf den gut 350 Seiten wimmelt es vor Agenten, Geheimdiensten, halsbrecherischen Manövern und politischen Wirren.
Auch die offiziellen Ermittlungen der Bundespolizei zeigen: Hinter der spektakulären Sprengung der Pipeline steckten wohl Ukrainer – und wohl eine Ukrainerin, wie Pancevski schreibt. Im Buch tragen sie Decknamen. Tragende Rollen spielen der „Colonel“ und der „General“, der „Kapitän“ und der „Priester“, auch „Opa“, „Krapfen“ und eben „Freya“ wirkten mit. Etwa die Hälfte der Involvierten, darunter drei Taucher, hat Pancevski persönlich getroffen, wie er unserer Redaktion im Interview sagt. Auch zu den deutschen Ermittlern – die den Fall letztlich auflösten – hatte er ausführlich Kontakt. Viele Fragen beantwortet Pancevskis Buch. Eine lässt es aber offen: War die Sprengung „richtig“, gar notwendig? Oder doch eher ein ruchloser Terrorakt?
Ganz nahe kam Pancevski nach eigenen Angaben den ukrainischen Drahtziehern hinter dem Anschlag. Der Europa-Korrespondent des Wall Street Journal war wichtigen Kontakten bereits ab 2014 im Donbass begegnet. Eine aus deutscher Sicht womöglich überraschende Erkenntnis laut Pancevski: Unter den Planern sind verdiente Leute des Geheimdienstes und des Militärs der Ukraine. Aber zum Zeitpunkt der Planungen waren sie teils nicht einmal im Staatsdienst tätig. Denn Anhänger oder gar Freunde der Regierung Selenskyj sind sie nicht – unter anderem wohl, weil das Präsidialamt unter seinem damaligen, mittlerweile über Korruptionsvorwürfe gestolperten, Chef Andrij Jermak einen weit gediehenen Anschlagsplan auf eine lange Liste russischer Söldner durchkreuzte.
Ob Selenskyj in die Nord-Stream-Pläne eingeweiht war, bleibt im Dunklen. Informiert war dem Buch zufolge anfangs wohl der damalige Militärchef Walerij Saluschnyj – der inzwischen sein Amt verlassen musste. Ohnehin greift aber ein ukrainischer Sonderfall: Das Militär ist insbesondere im Ukraine-Krieg nicht zentral finanziert. Einheiten finden Geldgeber (und nehmen auch Materialbeschaffung in die eigene Hand). Hinter dem Anschlag steckte eine Gruppe, die Pancevski das „Startup“ nennt. „Man könnte sagen, wir wurden so ein kleiner ‚Staat im Staate‘ – ein Deep State“, sagte ihm der „General“.
Pancevski zeigt, wie europäische Geheimdienste von den Plänen erfuhren, die CIA (offenbar eher halbherzig) intervenierte, sogar die Bundesregierung zwischenzeitlich im Bilde war – der Anschlag aber letztlich im Halbdunkel nur verschoben statt tatsächlich abgesagt wurde. Tatsächlich war wohl sogar eine zweite Sprengung geplant: die der Pipeline TurkStream von Russland in die Türkei. „Das geht in der Berichterstattung bisweilen unter“, sagt Pancevski. Der zweite Teil des Plans scheiterte ohnehin an recht banalen Fehlplanungen. Die Nord-Stream-Röhren aber gingen im September 2022 in die Luft.
Im handfesten Ergebnis – dem vorläufigen Ende für Nord Stream – machte die Verzögerung keinen Unterschied. Wohl aber im politischen Kontext, wie Pancevski schreibt. Zu Beginn der russischen Vollinvasion hatte Deutschland zögerlich reagiert. Die von Berlin statt Panzern und weitreichenden Waffen angebotenen Helme sind mittlerweile eine Art geflügeltes Wort. Zugleich sah nicht nur die Ukraine in der Pipeline eine Art Leine, an der Wladimir Putin die Bundesrepublik hielt. Und mit der er Milliarden Euro für die Kriegskasse einnahm. Im September 2022 sah die Lage schon etwas anders aus: Deutschland hatte die Hilfe intensiviert. Und Russland lieferte längst unter Vorwänden kein Gas mehr. Als die Ermittlungen in die Ukraine führten, war Berlin längst einer der wichtigsten Unterstützer Kiews.
Der Anschlag wurde so auch für die Ukraine zum zweischneidigen Schwert. Ohnehin war er hochgefährlich – auch für Unbeteiligte, wie Pancevski schreibt. Die Pipeline schneidet etwa den Fahrtweg ziviler Fähren zwischen dem Baltikum und Deutschland, die gewaltigen Detonationen hätten Schiffe versenken können. Und die ökologischen Konsequenzen hatten die Ukrainer offenbar ohnehin ausgeblendet. Gefährlich, geradezu waghalsig, war sie aber auch für die Ausführenden. Die waren offenbar großteils Zivilisten.
Pancevski folgt dem Weg der Gruppe: passionierte Taucher, aber keine Spezialkräfte. Ausgestattet mit hocheffektivem Sprengstoff in Tauchflaschen, ersonnen von einem über den Einsatzzweck ahnungslosen Wissenschaftler im Ruhestand, dem „Opa“ – und im stürmischen Frühherbst unterwegs mit einer vergleichsweise kleinen Jacht, der „Andromeda“. Angetrieben scheint die Gruppe vom patriotischen Gedanken, Russlands Krieg von einer wichtigen Geldquelle abzuschneiden. Und womöglich auch von einem Gutteil Alkohol. Unter widrigsten Bedingungen glückte der Plan, wenn auch nicht fehlerfrei. Pancevski schreibt vom ukrainischen „Kosakengeist“: Die Operation habe 250.000 Dollar gekostet. „Professionell“ ausgeführt hätte sie wohl Abermillionen verschlungen.
Die andere Seite der Geschichte ist das Wirken der Ermittler – und auch der Bundesregierung. Pancevski folgt den Schritten von Dieter Romann, dem Präsidenten des Bundespolizeipräsidiums. Deutschland, so schildert es der Autor, legte sich teils selbst Steine in den Weg. Etwa indem es gemäß der „third party rule“ Geheimdienstinformationen anderer Staaten nicht an die Ermittler weitergab. Trotzdem habe deutsche Akribie der Ermittler letztlich zum Erfolg geführt – während Ermittlungen anderer Staaten offiziell versandeten. Etwas Glück habe auch geholfen: Ein Auto der Ukrainer ging auf dem Weg zum Starthafen auf Rügen einer Blitzerfalle ins Netz.
Pancevskis Buch funktioniert als Einblick in geheimdienstliche Realitäten in der fremden Welt der Ukraine – und in das vermeintlich biedere Wirken deutscher Behörden. Es funktioniert auch als (Real-)Krimi und -Abenteuer, etwa wenn es den waghalsigen Tauchern (und der Taucherin) auf hoher See folgt. Und es bietet fast en passant zahllose überraschende Fäden und Andeutungen: In welchem Tonfall sprach Olaf Scholz mit Wladimir Putin? Gibt es noch verborgene Kanäle von Berlin in den Kreml, warum müssen in der Ukraine immer wieder angesehene Kräfte wichtige Posten verlassen? Warum kursierten nach dem Anschlag lange falsche Thesen? Mögliche Antworten finden sich in „Die Nord-Stream-Sprengung“.
Dass er so viel erfahren konnte, führt Pancevski auf „professionellen Stolz“ der ukrainischen Handelnden zurück – und auf deren Enttäuschung, statt Orden internationale Haftbefehle zu ernten. Manchmal schildert der Journalist ihre Erlebnisse in fast romanhafter Nähe, die Gedanken der Taucher auf stürmischer See etwa. „Als ich diese Charaktere kennengelernt habe, dachte ich: Einfache Journalistenarbeit reicht hier nicht, man muss diese Menschen richtig beschreiben, ihre Motive, ihr Handeln“, sagt Pancevski unserer Redaktion. „Diese inneren Monologe sind ein Produkt ihrer Erzählungen.“ Man müsse natürlich aufpassen, dass niemand beschönige oder ausschmücke, erklärt er; „nach der Schlacht ist jeder ein General, wie man so sagt“: „Aber ich habe mein Bestes getan.“ Überdies habe er ein Buch liefern wollen, „das man auch lesen will. Sonst tun es die Menschen nicht.“
Für einen der Handelnden, den „Kapitän“, naht ein Prozess in Hamburg. Rein juristisch wird der eine Einordnung für den Fall geben. Das finale Urteil werden aber wohl erst Historiker finden. (Quellen: Gespräch mit Bojan Pancevski, „Die Nord-Stream-Sprengung“, eigene Recherchen)
„Meiner Geschichte fehlt die tröstliche moralische Eindeutigkeit, die Kriminalromane, in denen Polizisten Verbrecher jagen, normalerweise haben.“ Bojan Pancevski in „Die Nord-Stream-Sprengung“.